Stalin hat uns das Herz gebrochen.

Daß totalitäre Bewegungen auf rückhaltlose Ergebenheit ihrer Mitglieder, daß totalitäre Regierungen oft auf echte Popularität in den von ihnen unterdrückten Völkern rechnen können, ist erschreckend genug. Erstaunlicher und beunruhigender ist die unzweifelhafte Anziehungskraft, die sie auf die geistige und künsterlische Elite ausübten. Weder Weltfremdheit noch Naivität können erklären, daß eine erschreckend große Zahl der wirklich bedeutenden Männer unserer Zeit sich unter den Sympatisierenden oder den eingeschriebenen Mitgliedern totaliärer Bewegungen befinden oder zu irgendeiner Zeit ihres Lebens befunden haben. Hannah Arendt (Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft – S. 702 ff)

Das 20. Jubiläumsjahr des Mauerfalls und des Zusammenbruchs des Realsozialismus waren nicht nur Anlass, die Geschichte einer modernen Nation zu etablieren, in der Demokratie, Freiheit und Wohlstand gesiegt hatten. Sie waren auch Anlass, die Geschichte der Delegitimierung der kommunistischen Idee fortzuschreiben. Dabei ist man heute scheinbar keinen Schritt weiter als zu Zeiten des Kalten Krieges. Mit den Stichworten »Misswirtschaft«, »Repressionsapparat« und »Terror« scheint der Stalinismus ausreichend beschrieben. Und Unterscheidungen zwischen Marx und Stalin, zwischen Marxismus, Leninismus und Stalinismus sind nicht nötig, solange der Kurzschluss, den stalinistischen Terror aus den Lehren von Marx und Engels abzuleiten, noch gelingen mag. Doch selbst wenn man davon ausgeht, »Marx hätte sich mit Grausen abgewandt«, Lenin hätte etwas anderes im Sinn gehabt, als er von der »Diktatur des Proletariats« sprach und Stalin sei nicht mehr als ein despotischer Herrscher gewesen, ist damit für eine linke Perspektive wenig gewonnen. Es erklärt nicht, warum die Revolution von 1917 in den stalinistischen Terrorwellen gipfelte, denen selbst StalinistInnen zum Opfer fielen. Es erklärt nicht, warum noch die schlimmsten Auswüchse des Stalinismus durch die letztendlich »gute Sache«, oder mit den Gesetzen der Geschichte, denen sich die RevolutionärInnen zu unterwerfen hatten, gerechtfertigt werden konnte. Und schließlich erklärt es auch nicht, warum das Sowjetmodell dem Regime des Kriegskommunismus und der Parteibürokratie weichen musste, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg auch in den so genannten Satellitenstaaten etablierte.

Mit der Abkehr Osteuropas vom sowjetischen Modell schienen sich auch diejenigen, die in den vergangen Jahren glaubten, mit den Bolschewiki sich identifizieren zu müssen, in ihrer überwältigenden Mehrheit end­gültig von ihren jugendlichen Irrtümern befreit zu haben. Die anderen, die schon damals die Ineinssetzung von Sowjetmacht und Sozialismus kritisierten, haben mit ihren revolutionären Ambitionen inzwischen auch die Option auf einen humanen Sozialismus ad acta gelegt.

Die Gorbatschowschen Reformen hatten im Westen zunächst allge­mei­ne Euphorie ausgelöst. Während die Presse in Erwartung der Rück­kehr der Sowjetunion in den Kreis der zivilisierten kapitalistischen Nationen frohlockte, knüpften sich bei den Resten der Linken allerlei Reformhoffnungen an Gorbatschow – auch für die versteinerten Verhält­nisse im Westen.

Diese Erwartungen scheinen inzwischen blamiert. Die Ohnmacht und Sprachlosigkeit der Linken angesichts der Veränderungen hängt nicht zu­letzt mit jenem prekären Verhältnis zusammen, das sie an die Ge­schichte der Sowjetunion band. Hatten sich doch fast alle positiv auf die Tradition der Oktoberrevolution bezogen, auch wenn dies meist mit dem Wunschtraum einherging, den “Gaul Geschichte” – von dem Majakowski sagt, daß er hinke – höchstselbst, als Revolutionär, am Zügel zu führen. Die verbreitete Fixierung an ein Bild der Oktoberrevolution als, wenn auch nur momenthafte, Geschichtsmächtigkeit der revolutionären Massen und ihrer Avantgarde, ging in der Praxis aber einher mit einer Haltung, die in jedem “Angriff auf die Sowjetunion” den “Stoß ins Herz der Revolution” (Weinert/Eisler) witterte und in jeder Leninismuskritik das Einschwenken ins bürgerliche Lager.

Bis heute stellt das Verhältnis zur Sowjetunion für die Linke eine Beziehungsfalle dar, der sie scheinbar nicht zu entkommen vermag. Der Traum von der Verwirklichung des Sozialismus, der mit dem Mythos Sowjetunion verbunden war, schien nur zwei Positionen zuzulassen: Das Bekenntnis zur Revolution und in der Konsequenz die bedingungslose Identifikation mit dem “Vaterland des Sozialismus”, dessen wirkliche Politik den mit diesem Begriff verbundenen Inhalten nur wenig entsprach, oder die Abgrenzung im Namen des Sozialismus; die damit unterstellte antirevolutionäre Haltung und Affirmation bestehender Verhältnisse schien jedoch weniger die Folge als vielmehr die Voraussetzung jenes “so nicht” zu sein. Für die im Ersten Weltkrieg korrumpierten soziali­sti­schen Parteien eignete sich die “bolschewistische” Revolution als iden­titätsstiftendes Gegenbild. Auch eine Kritik der bolschewistischen Politik aus dem Geist eines entschieden revolutionären Sozialismus, wie sie Rosa Luxemburg formulierte, geriet in den Sog dieser Beziehungs­falle.

Linke Positionen, die sich vom Konformismus der Sozialdemokratie abgestoßen fühlten, fanden in den zwanziger und dreißiger Jahren nur in den kommunistischen Parteien einen Platz, ebenso wie all jenen, die den Bolschewisierungs- und Stalinisierungsprozessen der kommuni­sti­schen Parteien entgehen wollten, nur die Wahl blieb, minoritäre Grüpp­chen zu bilden (wie August Thalheimer, Karl Korsch, Amadeo Bordiga u.a.) oder sich spätestens in der Emigration auf die Seite des freien Westens zu schlagen (wie Franz Borkenau, Arthur Koestler und Manès Sperber).

Als die Studentenbewegung in der BRD sich als Neue Linke kon­sti­tu­­­ier­te, hatte sie eine Ahnung davon, daß ihre politischen Wirkungs­möglichkeiten davon abhingen, wieweit es ihr gelänge, der Beziehungs­­falle zu entkommen und die sozialistische Revolution gegen jene neu auf die Tagesordnung zu setzen, die sie immer schon vertagt und schließ­lich ganz verabschiedet hatten, um den Aufbau der Industrie und die Rettung des Vaterlands zu vollbringen. Sie kam deshalb nicht umhin, immer wieder die Rolle der Sowjetunion zu diskutieren, die Revolution von 1917 und die Rolle des Stalinismus – vor allem, um der auch in der Linken virulenten Totalitarismustheorie kritisch begegnen zu können. Die Schwierigkeiten mit der Sowjetunion kristallisierten sich um die prekäre Beziehung zwischen dem Mythos Oktoberrevolution, der auch für die Mehrheit der Neuen Linken seine Faszination als Identifika­tionsangebot nicht verloren hatte, und den augenfälligen Konsequenzen stalinistischer und sowjetisch-imperialer Politik.

Als einfache Lösung der damit aufgeworfenen Fragen grassierte die These vom Verrat an den Idealen der großen sozialistischen russischen Revolution, und dies gleich in verschiedenen Varianten, die sich allein durch den Wechsel der Zuschreibungen unterschieden, wer nun eigentlich diese Ideale noch verkörpere. Verbreitet war auch die These vom Sozial­imperialismus der Sowjetunion, deren moralischer Abgrenzungsstatus die allzu große Enttäuschung über den Werdegang der kommunistischen Parteien kaum verhehlen konnte. Darüber hinaus ging ihr in bezug auf einen Vergleich der Imperialismen das Kriterium des Sozialen verloren. Seit 1967/68 gibt es in der Neuen Linken die Kritik an der Bürokrati­sierung und Versachlichung der gesellschaftlichen Verhältnisse in der Sowjetunion, also eine Kritik, die die staatliche und industrielle Herr­schafts­­form in den Mittelpunkt zu rücken sucht. Eine ernsthafte Beschäf­tigung mit der historischen Analyse russischer Verhältnisse hat erst in neuester Zeit eingesetzt.

Die für die Neue Linke wichtige Nachkriegserfahrung ist durch die Erkenntnis einer nationalsozialistischen Kontinuität unterhalb der großen Politik gekennzeichnet, durch die Kontinuität antikommunistischer Attitü­den, die Erkenntnis des weltweiten Neokolonialismus, durch die Erfah­rung einer handlungsunfähigen Linken angesichts der Fixierung der alten KP auf die Sowjetunion fixiert, und durch die Erfahrung, daß die Linke selbst aus der SPD zunehmend herausgedrängt und gesellschaftlich randständig wurde, was sich an der Geschichte des SDS ablesen läßt.

Für den älteren Marxismus wie für den SDS und die Studenten­bewegung blieb die Revolution von 1917 das Paradebeispiel einer soziali­stischen Revolution. Die entscheidende Kritik kam aus dem Frankfurter SDS-Zirkel um Hans-Jürgen Krahl. Krahl faßt den damaligen Stand der Diskussion und der Marx-Rezeption zusammen, wenn er in seinem Kommentar zum tschechischen Reformkommunismus konstatiert, “daß der Kommunismus nach Marx und Engels auf die ,Produktion der Ver­kehrs­­form selbst‘ zielt, in der das wertsubstantielle Produktionsverhältnis abstrakter Arbeit, das die privatarbeitenden Produzenten gegeneinander isoliert, auf dem Wege revolutionär erkämpfter Vergesellschaftung zu­grunde geht, um die Möglichkeit der ,assoziierten Produktionsweise‘ der unmittelbaren Produzenten und schließlich des zwanglosen ,Vereins freier Menschen‘ zu eröffnen.” [ 1 ]

Vor diesem Hintergrund war die Identifikation von Sowjet­uni­­on und Sozialismus eine Unmöglichkeit. Diejenigen, die sich als Spre­cher einer Emanzipationsbewegung verstanden, konnten im zen­tra­­­li­­sti­schen Organi­sa­­tionsmodell nur einen destruktiven Forma­lis­mus sehen. Diejenigen, die als Schüler von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno Waren­produktion mit Entfremdung und industri­elle Entwicklung mit reeller Subsumtion unter das Kapitalverhältnis zu verbinden gelernt hatten, hatten ihre Unbefangenheit gegenüber den Parolen vom “Aufbau des Sozialismus” gründlich verloren. Die­je­ni­gen, denen auch nur ansatzweise die Problematik des Zusammen­hangs von Kapitalismus und bürgerlichem Nationalstaat gegenwärtig war, sahen sich gezwungen, an dem Postulat einer internationalen revolutionären Bewegung festzuhalten.

Aber diese leninismuskritischen Einsichten spielten in der Aus­­­einan­der­­setzung mit den überall entstehenden marxistisch-lenini­­stischen Par­teien eine immer geringere Rolle. Für die Kritiker des leninistischen Organisationsmodells wurde Spontaneität schon bald zum Markenartikel (Revolutionärer Kampf, Proletarische Front Bremen, Arbeitersache Mün­chen). Als man mit den Parolen “Eine Mark für alle!” und “Macht kaputt, was Euch kaputt macht!” nicht schnell genug erfolgreich war, ging man zur “Politik in erster Person” über. Der Internationalismus blieb Feier­abend­beschäftigung gerade da, wo die Neuzusammensetzung der inter­nationalen Arbeiterklasse (Karl Heinz Roth) die “Betriebsarbeiter” vor schwer lösbare Probleme stellte. Der Abschied von der real existierenden Arbeiterklasse führte auf dem Umweg über die “Nicht-Arbeit” in einen Subjektivismus, der bald wieder für bestimmte Varianten von Konser­vativismus und Nationalismus anfällig wurde. Darin trafen sie sich dann mit jenen, die inzwischen den Gang durch die kommunistischen Parteien hinter sich hatten. Sie hatten damals vom Leninismus nicht nur das Organisationsmodell übernommen und die revolutionäre Disziplin, son­dern auch die Staatsfixierung. Je nachdem, wie wenig sie sich in der stalinistischen Entwicklung der UdSSR wiedererkennen konnten, war der nationale Träger der Revolution als Identifikationspunkt ausge­wechselt worden: Albanien und China statt Rußland.

Man beschwor die Dialektik von Repression und Revolution, äußerte moralischen Protest gegen den Machtstaat und operierte mit einem ver­selb­­ständigten Verständnis von Praxis, die als aktionistische ihren ehemals ironischen Charakter als Demonstrationsform längst verloren hatte und zu einer Form gerann, über deren Funktion – ganz wie bei der Politik der KP der zwanziger Jahre – nicht mehr nachgedacht wurde. Als allge­mei­nes Kennzeichen diese Gruppierungen konnte dann gelten: die Iden­tität von Moral und Politik oder ein moralisierender Politizismus – und dies oft trotz einer ökonomistischen Marx-Rezeption. Ein Großteil der Anhängerschaft dieser Gruppierungen wurde dann im Anschluß an den Sieg Vietnams und des Pol Pot-Regimes ganz wie schon die gläubigen Kommunisten nach 1930 und 1945 von den Ereignissen überrollt und von Ernüchterung eingeholt.

Die Rezeption des traditionalen Kommunismus war aber oftmals durch eine spezifische Sichtweise mit dem Problem der Reaktion auf den Faschismus verbunden. Zumindest teilweise wurde die Legitimation von Georg Lukà cs akzeptiert, daß damals insofern eine Zwangslage geherrscht habe, als man angesichts des heraufziehenden Faschismus, trotz aller Detailkritik, nur für den Kommunismus sich habe entscheiden können. Der dieser polaren Konstruktion unterlegte politische und histori­sche Determinismus spielte für die Marxisten-Leninisten generell und auch für ihre Mao-stalinistischen Spielarten eine große Rolle. Historische Situationen wurden auf einfache Entscheidungslagen reduziert. Dieser Mechanismus der Zwangsparteinahme verdeckte aber nur das Problem, das darin bestand, wie eigentlich “das Revolutionäre” an der Oktober­­revolution zu begreifen und wie diese vom westlichen Kapitalismus abweichende Form der Industriegesellschaft zu beurteilen sei: als Schritt oder Rückschritt auf dem Weg zum Sozialismus, als Staatskapitalismus (was darunter auch immer verstanden wird), als eigenständige Variante kapitalistischer Entwicklung oder bloß als totalitärer Staat.

Im folgenden soll hier der Stand der Debatten um Sowjetstaat und Sozialismus kurz skizziert werden, wie er in den 70er Jahren den Horizont einer linken Kritik abgesteckt hat. Es soll hier die These vertreten werden, daß es auch für das Verständnis der aktuellen Vorgänge in der Sowjetunion unumgänglich ist, an diesen Stand wieder anzuknüpfen – gerade dort, wo er sich in Ansätzen aus der beschriebenen Beziehungsfalle heraus­gearbeitet hat.

Schon in den zwanziger Jahren hatte sich eine Debatte um Plan- und Marktwirtschaft entwickelt. Friedrich Pollock etwa zeigte deutlich Be­gei­sterung für die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion (Friedrich Pollock, Die planwirtschaftlichen Versuche in der Sowjetunion, Leipzig 1929). Plan und Markt werden säuberlich getrennt dann dem Sozialismus und dem Kapitalismus zugeordnet. In der sowjetischen Dis­kussion finden sich ähnliche Vorstellungen etwa bei Preobrazenskij und später bei den Trotzkisten. Andere, z.B. Bucharin, waren vorsichtiger. Die schematische Gegenüberstellung von Plan und Markt verstellt den realistischen Zugriff auf sozialökonomische Probleme. Insofern aber ist die Vorstellung von Plan und Markt als einander gegenseitig ausschlie­ßend unsinnig, als es im “sozialistischen Planstaat” immer die verschie­densten Varianten von Märkten gab und gibt und als Planifikationen von Anfang an die Geschichte kapitalistischer “Marktökonomien” geprägt haben, ja Markt und Plan geradezu eine spezifische notwendige Einheit kapitalistischer Ökonomie bilden.

Vor allem innerhalb der sowjetischen Ökonomiediskussion spielten die Theorien von der Übergangsgesellschaft (Bucharin u.a.) eine ent­schei­­dende Rolle. Deren Voraussetzung, daß es sich bei der Sowjetunion um eine Gesellschaft im Übergang zum Sozialismus handele, blieb un-hin­ter­fragt. Übergangsgesellschaften sollten auf die Transformation kapi­­ta­­­listischer in sozialistische bezogen sein. In Wahrheit handelte es sich bei den angeführten Ländern um unterentwickelte Länder der ersten und dritten Welt, die man bestenfalls als Schwellenländer bezeichnen kann, und die Transformation war lediglich Mittel einer spezifischen National­kapitalbildung, die die Chancen am Weltmarkt vorübergehend vergrößern half. [ 2 ]

Einflußreich für die Theorieentwicklung in der Neuen Linken war Charles Bettelheims Analyse einer sozialistischen Warenproduktion. Bettelheim verweist bei der Diskussion von Übergangsgesellschaften auf einen grundsätzlichen Widerspruch: auf das Paradox sozialistischer Waren­produktion. In einer sozialistischen Perspektive ging es dabei um eine Aufhebung der Warenproduktion als Ausdruck kapitalistischer Ver­hält­nisse. Diese Utopie stellte sich vor, daß die Entscheidungen über Formen und Inhalte der Produktion, über die Verteilung der Arbeiten und der Produkte in einem basisdemokratischen Prozeß, nämlich durch die “assoziierten Produzenten”, getroffen werden ohne Vermittlung durch Geld und Märkte. In der sowjetischen Planwirtschaft wurde nun aller­dings nicht zufällig an Geld, Preisen und Recheneinheiten festgehalten, Bettelheim zufolge nämlich deshalb, weil es generell durch die Struktur von Produktionsprozessen, wie sie uns gegenwärtig zur Verfügung stehen, erzwungen wird. Als Folge des Widerspruchs zwischen dem “soziali­sti­schen” planerischen Moment und der “Warenproduktion” finden sich in der Sowjetunion alle möglichen Formen von Märkten und Kapitalbildung, die kaum begriffen und beeinflußt werden können.

Der Widerspruch, der dem Begriff einer sozialistischen Waren­produk­tion innewohnt, wurde auch in den Frankfurter Diskussionen von Hans-Jürgen Krahl, Alfred Schmidt, Helmut Reichelt und Hans-Georg Back­haus aufgegriffen. In ihrer Zuspitzung auf das Geldproblem als Schlüssel zum Verständnis der Marxschen Kapitaltheorie wurde die Frage, was eigentlich eine sozialistische Umwälzung der Verkehrsformen bedeuten könne, radikalisiert. So wendet sich Krahl gegen den Versuch von Ota Å ik, “die genuin marxistische Lehre vom Absterben der Ware und des Geldes in der ökonomischen Transformationsperiode als eine mit dem Odium des Stalinismus behaftete unverbindliche ideelle Abstrak­tion zu diskreditieren; für Marx hingegen ist mit der durch den Austausch von Kapital und Lohnarbeit gesellschaftlich verallgemeinerten Warenproduk­tion analytisch untrennbar der Sachverhalt von Entfremdung und Verding­li­­chung verbunden, der Umstand, daß eine im Prinzip historisierte indu­stri­elle Produktion sich der bewußten Kontrolle durch die Produzenten mit scheinbarer Naturgewalt entzieht. Im Begriff und Dasein der Geld­form der Ware kristallisiert sich die naturwüchsige Kontingenz eines im Prinzip von den Menschen bewußt machbaren Geschichtsprozesses.” [ 3 ]

Das heißt nicht, daß man mit der Geldform schon das Kapital­verhält­nis begriffen hat, und es heißt auch nicht, daß die realsozialistischen Ökonomien deshalb, weil sie Warenproduktion und Geldwirtschaft betrei­ben, mit den westlich-kapitalistischen schlichtweg zu identifizieren sind. Gerade weil die Tradition der Neuen Linken in ihrer Auseinandersetzung mit Marx entweder den diffusen Gebrauch der Warenkategorie in der Kriti­schen Theorie mitschleppte, oder sich, wo sie sich um Präzision be­mühte, in geldtheoretische Probleme verlor, gelang es nicht, einen Begriff des kapitalistischen Vergesellschaftungszusammenhangs zu ent­wickeln.

Nicht zuletzt deshalb wird beim Versuch einer Analyse der ökonomi­schen Realitäten der sowjetischen Entwicklung, ebenso wie in bezug auf jeden anderen Gegenstand, auch von kritischen Linken auf ein Sam­mel­­­surium aus neoricardianischen und anderen ökonomischen Ansätzen zurück­gegriffen, wenn nicht gar die ökonomische Dimension der gesell­schaftlichen Verhältnisse zugunsten einer politizistischen Betrach­tungs­­weise ganz vernachlässigt wird.

Das prekäre Verhältnis einer politischen Betrachtungsweise ökonomi­scher Probleme zeigt sich auch bei den Vertretern der Bürokratie- und Versachlichungsthese, die einmal die sowjetische Bürokratie als wesentliches Moment einer forcierten Industrialisierung begreifen, andererseits die Versachlichung als Form bürokratischer Funktionsweise und der Industrie herausstellen (Walter Süß, Winfried Thaa). Bürokratie, in dieser Weise aufgefaßt, trifft unterschiedslos auf kapitalistische und “sozialistische” Verhältnisse zu. Unzureichend bedacht wird, daß der Bürokratisierungsprozeß bei Weber als Vollendung des kapitalistischen Strukturtypus gedacht ist. Aber dadurch kann die gesellschaftliche Funktion der Bürokratie als Ausdruck immer schon unterstellter Rationalisierungsprozesse nicht hinreichend geklärt werden.

Rudi Dutschke gab mit seinem Versuch, Lenin vom Kopf auf die Füße zu stellen, eine Erklärung des russischen Sonderweges, die diesen, anknüpfend an die These der asiatischen Produktionsweise bei Marx und die Untersuchungen von Karl August Wittfogel, als eine “halbasiatische Produktionsweise” kennzeichnet. Dieser Ansatz hätte jedoch zu klären, wieso sich trotz des Einflusses des europäischen Absolutismus und der Kapitalisierung Rußlands unter den letzten Zaren gerade die Tradition “halbasiatischer” Staatsförmigkeit als ausschlaggebende Tendenz in der Entwicklung des Sowjetstaats durchgesetzt haben soll. In der Tradition von Rosa Luxemburg ist die Jakobinismusthese formuliert worden, die auf einem Strukturvergleich der russischen mit der französischen Revo­lu­tion basiert. (Derartige historische Vergleiche finden sich in den zwanzi­ger Jahren häufig.) Sie verweist auf sozialökonomisch ähnliche Problem­stellungen und zeigt, daß die Politikmodelle analoge, d.h. gewisser­maßen radikalbürgerliche waren. Die These zielt zentral auf Analogien von Elementen aus der Jakobinischen Phase der französischen Revolution mit dem Kriegskommunismus und verknüpft staatliche Requirierungspo­litik, agrarische Versorgung und Armeeausstattung wie die dazugehöri­gen Produktionen mit einem Politikmodell zentralwirtschaftlicher Per­­spek­­­ti­ve auf der einen, atomisierter Basis auf der anderen Seite. Redu­ziert man die jakobinische Phase der UdSSR auf dieses Politikmodell, oder, ökonomisch betrachtet, auf den Kriegskommunismus, dann er­geben sich keine weiteren Probleme. Versucht man es aber als spezifische ge­sell­schaft­liche Formation zu begreifen, und genau das unterstellt der im Begriff des Jakobinismus enthaltene Vergleich, dann hätte man zu zeigen, in welche Form bürgerliche Politik und Ökonomie gerinnt und was ihre Funktion in bestimmten historischen Konstellationen auszeichnet.

Wenn in der Studentenbewegung und danach der Praxisbezug auch schon aufgrund der relativen Isoliertheit der Bewegung sich als drängend herauszustellen schien, was u.a. zum Rekurs auf positive Revolu­tions­­modelle zwang, und dieser falsche Praxisbezug zugleich auch zum Bündnis mit dem historisch Erfolgreichen führte, so war darin nicht nur eine folgenschwere funktionalistische Orientierung angelegt, sondern zugleich auch eine Verwechslung der empirischen Faktizität mit der histo­rischen Praxis.

Exekutieren diese Orientierungen nicht das, was mit dem Jakobinismusproblem verbunden ist: die polare Konstruktion von Volk und Führungseinheit, die Notwendigkeit von Plan und Verteilung? Sind eigentlich gesellschaftliche Produktionsverhältnisse begriffen, wenn sie nur als Verteilungsverhältnisse von Arbeit, Produktions- und Konsumtionsmitteln diskutiert werden? Aus der Perspektive der Organisation dieser Verteilung ergibt sich notwendig das Auseinanderfallen von Volk und Staatselite. In der Geschichte der Linken ist das Modell des Jakobinismus entweder affirmiert oder dämonisiert worden. Nicht diskutiert wurde, für welche Gesellschaften eine solche Staats- und Wirtschaftsform Attraktivität besitzt und unter welchen Bedingungen.

Sozialismus bedeutet als Anspruch immer schon die Überwindung der in der französischen Revolution vorgegebenen bürgerlichen gesellschaftlichen Formen. Daß die Sowjetunion diesem Anspruch nicht gerecht werden konnte, wußte man eigentlich von Anfang an. Heute wird ja überall in Zweifel gezogen, ob sozialistische Produktionsverhältnisse eigentlich noch eine politische Option sein können. Dies zu bejahen bedeu­tet, an einer Utopie gesellschaftlicher Verhältnisse festzuhalten, in denen individuelle Moral als Opfer überflüssig ist.

Nur wenn man davon loskommt, sei es positiv, sei es negativ, die Sowjetunion und die sozialistische Revolution zu identifizieren und fähig wird, der Oktoberrevolution ihren historischen Ort im Kontext durchaus kapitalistisch geprägter Entwicklungsprozesse zuzuweisen, hat man die Chance, Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse in Richtung auf das, was einmal mit Sozialismus gemeint war, wieder neu ins Auge zu fassen. Sonst bleibt nur der dritte Weg zwischen einer mal durch mehr Markt, mal durch mehr Staat und durch mal mehr, mal weniger Mitbestimmung, allemal jedoch durch ökonomische Sachzwänge, bürgerliche Verkehrsformen und nationalstaatlich imperiale Machtstrukturen geprägten Varianten der immergleichen Gesellschaft.

Am sowjetischen Modell ist schon früh Kritik geübt worden. Sieht man von der bekannten Kritik Rosa Luxemburgs ab, so ist es vor allem die holländisch-deutsche Linke, die sie erhebt. Als sich der radikale Flügel der holländischen Sozialdemokratie 1907 abspaltete, war das Prinzip radikaler Aufklärung statt massenhafter Organisation als wichtiges strategisches Element des Marxismus proklamiert worden. [ 4 ] Anton Pannekork, Herman Gorter und Henriette Roland-Holst forcierten sehr bald die Auseinandersetzung mit Kautsky und später mit Lenin. Schon 1915 mit den Bremer Linken und der Gruppe “Lichtstrahlen” vereinigt, firmier­­te diese holländisch-deutsche Gruppe dann als “Internationale Sozialisten Deutschlands” (ISD) und ab 1918 als “Internationale Kommu­nisten Deutschlands” (IKD). An den Debatten um die Gründung der KPD be­­­tei­­­­ligt, verließ sie diese mit dem linken Flügel und gründete die “Kommu­nistische Arbeiter-Partei Deutschlands” (KAPD). Nach deren Spaltung blieb sie während der Weimarer Republik eine kleine selbständige Gruppe. In Holland vereinigte sie sich während der deutschen Besatzung mit den Trotzkisten, von denen sie sich nach dem Kriege wieder trennte.

Es war nicht so sehr ihre organisatorische Tätigkeit, die ihr Bedeutung verlieh, sondern eher eine teils propagandistische, teil theoretische Wirkung, die vor allem Gorter und Pannekoek zu verdanken ist. Zwei Thesen waren für ihre Arbeit bestimmend: Zum einen meinten sie subjek­tivistisch, daß es, zur Initiierung spontaner Massenaktionen, allein auf Avantgardepositionen ankäme. Zum anderen propagierten sie einen strikten Rätekommunismus und forderten für die Betriebsorganisationen die Macht über die Produktion.

Die erste These argumentiert von einer Hochschätzung der Subjektivität aus, des proletarischen Selbstbewußtseins, wie es bei Pannekoek und Gorter heißt. Sie wird erst verständlich vor dem Hintergrund eines philosophischen Kantianer-Marxismus, der dies Selbstbewußtsein als ethisches Postulat beinhaltet. Die zweite These ist durchaus immer noch aktuell, auch wenn sie in der einfachen Form, die sie bei den Rätekommunisten erhielt, sicher nicht mehr denkbar ist, weil die Erfahrungen mit den produzentendemokratischen Ansätzen in bezug auf die Lösung gesamtgesellschaftlicher Aufgaben die Problematik der politischen und sozialen Rahmenbedingungen deutlicher haben hervortreten lassen.

Zentraler Auseinandersetzungspunkt der rätekommunistischen Theo­re­tiker war die Kritik der Politik der kommunistischen Parteien nicht nur in ihrer stalinistischen Form, sondern auch ihrer theoretischen Grundlagen: die Theorie Lenins. Pannekoeks Schrift “Lenin als Philosoph” (1938) verwies auf den bürgerlichen Materialismus als grundlegendes Element und Basis seiner philosophischen Anschauungen. Daß sich aus dieser Konzeption materialistischer Weltanschauung auch für das Politik­verständnis Lenins Konsequenzen ergeben, war ihm evident. Der bürger­liche Materialismus impliziere ein naturalistisches Verständnis von Natur­gesetzen und damit werde ein entsprechendes Verständnis absolut notwendiger sozialer Gesetzmäßigkeiten nahegelegt. Pannekoek kritisierte hieran, daß damit das Bewußtsein verloren gehe, Naturgesetze als Regeln zur Erkenntnis bestimmter natürlicher Phänomene zu begreifen. Solches gelte auch für soziale Abläufe. Die Pannekoeksche Lenin­-Kritik gehört zwar nicht zu den ersten, wohl aber zu den wichtigsten Dokumenten einer solchen Kritik.

Paul Mattick, seinerseits von den Rätekommunisten beeinflußt und wichtigster Organisator rätekommunistischer Arbeitergruppierungen in den USA, folgte ökonomietheoretisch jedoch Henryk Grossmann. Dessen rationalistische Marx-Rezeption versuchte er mit dem rätekommunistischen Ideal zu versöhnen. Die Nachkriegsentwicklung in den USA, von einer scheinbar ungebrochenen Prosperität getragen, die damit eine Änderung der Arbeiterstrategien erforderlich machte, veranlaßte Mattick, einerseits die Vorstellung einer mixed economy als mögliches Trans­formationsmodell zu entwickeln, andererseits aber auf einen Marxismus als Minensuche zu setzen, der in mikrologischer Arbeit die winzigen Bruchstellen der Gesellschaft als Ansatzpunkte einer emanzipativen Politik auszumachen sucht.

Wenn auch die Breitenwirkung ausblieb und sich der politische Ansatz oft subjektivistisch präsentierte, zielte die Politik der Rätekommunisten doch auf eine nicht-leninistische kommunistische Praxis. Im Ansatz über den Bolschewismus hinaus (siehe die “Thesen über den Bolschewismus” von 1934), wenn auch in der Beschreibung der historischen Situation Rußlands dem Klischee der “Westler” verhaftet, schimmert die Möglichkeit einer anderen Entwicklung der Geschichte durch, als der, die sich ereignete.


Einführung in die wertkritische Kapitalismuskritik

Das zunehmende Unbehagen im Kapitalismus ist leider noch kein Garant für eine angemessene Kritik und nicht jeder Widerstand ist per se emanzipatorisch zu nennen. Die Gefahr, Bestandteil des Problems zu werden, gegen das sich der Unmut richtet, ist groß genug, wie viele (ex-)linke Biographien beweisen. Um den Kapitalismus kritisieren zu können, muss er auch verstanden werden. Wir wollen Euch die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft näher bringen, wie sie Marx im Kapital entwickelt hat. Entgegen einer traditionsmarxistischen Lesart stehen hier nicht Klassenkampf und Loblieder auf das Proletariat im Vordergrund, sondern die Kritik von Ware, Geld, Kapital und Warenfetischismus.

DATUM: 10. April 2010
BEGINN: 11:00 UHR
ORT: Weimar, Jakobsstraße 22 (Bureau der „Neuen Linken“)
EINTRITT: frei

Wenn heute von Kapitalismuskritik die Rede ist, so gibt es ein dominantes Feld von Vorstellungen und Diskursen, die unter dem Stichwort “Arbeiterbewegungsmarxismus” subsumiert werden können. Seine Dominanz beruht auf der historischen Wirkungsmächtigkeit, die er in der Binnengeschichte des Kapitalismus erlangte. Lassen wir spezielle Ausformungen beiseite, können allgemeine Züge einer arbeiterbewegungsmarxistischen Kapitalismuskritik nachgezeichnet werden. Dass Marx hierbei eine zentrale theoretische Referenz darstellt, ist unbestritten. Allerdings sind nur bestimmte Versatzstücke der Marxschen Kritik in die Deutungsmuster des Arbeiterbewegungsmarxismus eingegangen: Demnach ist die kapitalistische Gesellschaft nach Klassen strukturiert, die mit einer bestimmten Position innerhalb des kapitalistischen Produktionsprozesses zusammenhängen. Während eine Klasse über Produktionsmittel verfügt, besitzt die andere nur ihre Arbeitskraft. Um sich reproduzieren zu können, sind die BesitzerInnen der Ware Arbeitskraft gezwungen, diese an die Eigentümer der Produktionsmittel zu verkaufen. Letztere wenden nun die Ware Arbeitskraft an, bringen sie im Arbeits- bzw. Verwertungsprozess mit den Produktionsmitteln zusammen. Innerhalb dieses Prozesses reproduziert die Ware Arbeitskraft nicht nur ihren eigenen Wert, sondern schafft zusätzlichen Wert, den sogenannten Mehrwert. Dieser Mehrwert ist -so die Marxsche Analyse- einzig Produkt der Arbeit. Hier setzt die Kritik des Arbeiterbewegungsmarxismus an: Die Besitzer der Ware Arbeitskraft schaffen zwar allen Wert, aber nur ein Teil davon kommt ihnen zugute: der Mehrwert wird durch die Besitzer der Produktionsmittel angeeignet, zum Teil für deren Konsum (Revenuen), zum anderen für die Reinvestierung in den Verwertungsprozess. Die Vorenthaltung des Mehrwerts durch die Klasse der Bourgeoisie wurde als ungerechtes Ausbeutungsverhältnis verstanden und sollte via Klassenkampf abgeschafft werden. Zentraler Gegenstand der Kritik des Arbeiterbewegungsmarxismus ist also die gesellschaftliche Verteilung des (abstrakten) Reichtums bzw. des produzierten Mehrwerts und -weil damit im Zusammenhang stehend- die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Entgegen seinen eigenen Ansprüchen ist der Arbeiterbewegungsmarxismus weniger eine Kritik der Produktion, sondern der Distribution der kapitalistischen Gesellschaft. Ihm geht es um die gesellschaftliche Neuverteilung von Mehrwert und Eigentum. Im Wesentlichen drehte sich die Kritik des Arbeiterbewegungsmarxismus um quantitative Fragestellungen der Verteilung. Dabei geriet die qualitative Besonderheit der kapitalistischen Vergesellschaftung, seine besondere Form der Reichtumsproduktion aus dem Blickfeld der Kritik und theoretisch in Vergessenheit: Die Vergesellschaftung über den Wert. Dass Kapitalismuskritik primär Wertkritik bedeutet, hat der Arbeiterbewegungsmarxismus nie wirklich wahr haben wollen. Mit Münteferings Kapitalismuskritik an den sogenannten Heuschrecken offenbart sich aber nicht nur der theoretische Absturz der alten Arbeiterbewegung — sondern bestätigt auch ein Volksvorurteil: Kapitalismus, darunter werden nur allzuoft die bösen Spekulanten, die “Nieten im Nadelstreifen” verstanden. Gegen solche personalisierenden Vorstellungen von Kapitalismus will das Seminar den Versuch einer kritischen Bestimmung des Kapitalismus unternehmen und damit -implizit- die Grenzen und Probleme einer verkürzten Kapitalismuskritik aufzeigen. Dies soll im Rückgriff auf die grundlegenden Kategorien der kapitalistischen Gesellschaft geschehen, wie sie Marx im “Kapital” entwickelt hat. Die Marxsche Kritik der politischen Ökonomie bildete den zentralen Anknüpfungspunkt, ausgehend von der Kategorie der Ware, über Geld und Kapital bis hin zum Problem der Fetischkonstitution der bürgerlichen Gesellschaft.

Gefördert von der Rosa Luxemburg Stiftung Thüringen

by surpasser.

krisis 33 erscheint im April 2010

Nach dem Platzen der Immobilienblase ist allenthalben von der Krise des Kapitalismus die Rede. Gemeint ist aber zumeist nur die Krise des so genannten Finanzmarktkapitalismus, die auf die „Gier der Banker und Spekulanten“ zurückgeführt wird – verbunden mit der Hoffnung auf eine Rückkehr zum „gesunden Kapitalismus“. Tatsächlich jedoch hat die derzeitige Weltwirtschaftkrise einen viel grundsätzlicheren Charakter. Sie stellt eine weitere Etappe der Krisenverschärfung und -beschleunigung im Verlauf eines langen, säkularen Prozesses dar, der alle Sphären und Ebenen der Warengesellschaft erfasst und deren Grundlagen erschüttert. Verschiedene Aspekte dieses fundamentalen Krisenprozesses stehen im Fokus dieser krisis-Ausgabe.

Veranstaltungsreihe zum Verhältnis von Krise und Kritik

liebe Freund*innen der Wertkritischen Kommunist*innen,

für das Chaos bei unserer geplatzten Veranstaltungsreihe zum Verhältnis von „Krise und Kritik“ möchten wir uns ausdrücklich entschuldigen. Leider verschiebt sich unsere Veranstaltungsreihe um ca. 2 Monate.

Bitte Ankündigungen beachten!

Ansonsten laden wir bald zu einen gemeinsamen Frühstück zum diskutieren & plaudern ein.
Den genauen Termin und Ort geben wir in den nächsten Tagen bekannt.

Über euer kommen wären wir sehr erfreut!

Mit kommunistischen Gruß,

eure WKW(J)

EXIT! Heft 6 erschienen

Endlich! Das EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft Heft 6 ist erschienen.

In diesen Zeiten ist es geradezu langweilig, ein Editorial zu schreiben, zumal die EXIT!-Editorials stets mehr waren als eine kurze Hinleitung zu den einzelnen Artikeln und immer auch die aktuelle Szenerie in der jeweiligen Situation etwa hinsichtlich der Oberflächen-Entwicklung kursorisch einzufangen trachteten. Mittlerweile ist es aber ein wenig müßig, einzelne Momente zu skizzieren, in denen sich ein lange Zeit stets verleugneter gesellschaftlicher Krisenprozess in seinen aktuellen Verlaufsformen jeweils äußerte; ist der historische Charakter dieser Krise doch mittlerweile unübersehbar geworden. Termini wie Kollaps und „Crashkurs“, die Prognose eines Wegbrechens ganzer Branchen etc., für die eine wertkritische Krisentheorie seit den 1990er Jahren notorisch als unseriös und hysterisch überzogen gescholten wurde, sind in den letzten Monaten TagesschausprecherInnen oder Börsenhändlern locker über die Lippen gegangen, und entsprechende Einschätzungen finden sich längst in der bürgerlich-honorigen Mainstream-Presse.

Wenn Claus Peter Ortlieb in EXIT! Nr. 2 (2005) am Anfang des Editorials schrieb: „Krise allenthalben“, so gilt dies heute umso mehr. Deshalb bedarf es hier keiner Details zum aktuellen Krisenstand. Die Situation ist schnell skizziert. Man könnte sagen: „Soviel Krise war nie“, analog zum Anfangssatz im „Kollaps der Modernisierung“ von Robert Kurz: „Soviel Ende war nie“ (Frankfurt 1991) – angesichts des Realwerdens der dort gestellten Prognosen. Das Ende des Realsozialismus verblasst nunmehr als epochale Erschütterung. Der Kapitalismus als Weltsystem, der damals noch einmal so richtig neoliberal auftrumpfen konnte, ist jetzt vom inneren Selbstwiderspruch seiner eigenen Dynamik in einem von den meisten (auch linken) Diskursen unvorhergesehenen Ausmaß ereilt worden. Auch wenn er deswegen nicht „morgen früh“ zusammenbricht, hat sich seit dem Herbst 2008 mit dem Bankrott von Lehman Brothers, dem nachfolgenden Domino-Effekt im globalen Finanzsystem und der neuen Weltwirtschaftskrise jede selbstzufriedene Gewissheit einer ewig regenerationsfähigen Verwertung auch noch als „Kasinokapitalismus“ blamiert.

Zur aktuellen Lage ist allenfalls zu sagen, dass sie im gesellschaftlichen Bewusstsein noch weitgehend verdrängt wird. Die Leerstelle einer sozialistischen Alternative, ja überhaupt jedes ernsthaften Gedankens in dieser Hinsicht, macht sich nicht zuletzt daran bemerkbar, dass Konzernbelegschaften auf den für sie fühlbar gewordenen Einbruch hilflos und betriebswirtschaftlich borniert mit T-Shirt-Aufschriften reagieren: Wir sind Opel, wir sind Arcandor, rettet uns! Hätte Merkel jemals gedacht, dass ausgerechnet ihre Regierung Honecker-artig Banken verstaatlichen und die Warenproduktion staatlich verwalten bzw. in wachsendem Umfang subventionieren muss? Verkniffenes Hohngelächter allenthalben, aber keine Perspektive. Rettungspakete und Konjunkturprogramme sind nicht dauerhaft tragfähig und modifizieren nur den weiteren Krisenprozess, dessen neue Qualität nicht mehr in die früheren Verlaufsformen der Finanzblasen-Ökonomie gelenkt werden kann. Bezeichnend die Frage von Finanzminister Steinbrück: „Wie kriegen wir die Zahnpasta in die Tube zurück?“.

Wenn der abgehalfterte Keynesianismus wieder Konjunktur hat, ist das selber ein Krisensymptom. An der inneren Schranke des Kapitalismus sind solche Vorstellungen noch viel illusionärer als in der fordistischen Phase, der auch der sogenannte Realsozialismus noch angehörte. Nur scheinbar holt uns eine Zeit ein, die unwiederbringlich vorbei ist. Die erneut imaginierte Omnipotenz des Staates ist ökonomisch hohl, wie sich nicht nur an den osteuropäischen Menetekeln wie Lettland, Ungarn usw. zeigt, sondern auch in den westeuropäischen Ländern der EU und in den USA. Die sozial dämpfenden Maßnahmen hierzulande, von der Abwrackprämie bis zur Kurzarbeit, stehen eher im Zeichen des Wahlkampfs als einer wirklichen Bewältigungskraft. Nach der Bundestagswahl ist der Übergang zu einer verschärften, alles andere als sozial „weichen“ Notstandsverwaltung zu erwarten. Das weiß im Grunde jedes Kind. Je mehr die Unbeherrschbarkeit der Situation offenbar wird, desto rücksichtsloser bereiten sich die Staatsapparate auf ein Aufbegehren vor, das überhaupt nicht sichtbar ist. Schon in den letzten Jahren wurde der Sicherheits- und Überwachungsstaat (biometrische Ausweise etc.) aufgerüstet. In diesem Zusammenhang lässt sich auch die ökologische Problematik vortrefflich für eine krisenverwalterische Verzichtsideologie instrumentalisieren, flankiert durch einen „ökologischen Reduktionismus“ von links. Schon vor der neuen Weltwirtschaftskrise sollten die Unterschichten auf eine „gesunde“ Billigernährung durch Kraut, Rüben und Nudeln nach Öko-Rezepten – alles liebevoll erdacht von professionellen Hartz-IV-Köchen – eingeschworen werden.

Vielleicht gerade deshalb geben momentan die gesellschaftliche Atmosphäre und die ideologischen Reaktionen mehr zu denken als der ökonomische Krisenverlauf. Es herrscht eine Stimmung nach dem Motto: Alle reden von Krise und keiner geht hin. Nicht nur für das Management und die politische Klasse sind möglichst „unaufgeregter“ Krisenpragmatismus und „business as usual“ angesagt. „Kannit verstan“ (Johann Peter Hebel) und „Fürst Prospero“ (Edgar Allan Poe – vgl. den schon 1995 erschienenen Text „Die Maske des roten Todes“ von Roswitha Scholz, zu finden auf der EXIT!-Homepage) sind Leitparadigmen; die Einigelung im eigenen Alltags- und Gewohnheitsmief soll das drohende gesellschaftliche Verhängnis „draußen bleiben“ lassen. Und das in der Ahnung oder sogar Gewissheit, dass die „Pest“ der Krisenwahrheit letztendlich auch die in den vergangenen Jahrzehnten noch im Zeichen der Finanzblasen- und Kreditökonomie aufstiegswilligen Mittelschichten ereilen wird.

Die Hoffnung, dass der Spuk bald vorbei sein möge, klammert sich an tröpfelnde Entwarnungsdiskurse. Steigen nicht abermals die Börsenkurse? Und bekommen die Kleinanleger bei der bankrotten isländischen Kaupthing-Bank nicht bereits ihre Einlagen zurück? Man schwärmt vom „Erreichen der Talsohle“, und die zeitweilig kleinlaut gewordenen Auguren der Wirtschaftsinstitute wagen schon wieder die Prognose vom Licht am Ende des Tunnels. Viel wahrscheinlicher dürfte sein, dass das Sommerloch 2009 nur eine kleine Pause gewährt. Eine große Krise verläuft nicht linear, sondern in Schüben. Der nächste Schub deutet sich an, wenn die Krise im vollen Umfang die Arbeitsmärkte erreicht, die Konjunkturprogramme auslaufen und die Rettung vor den Folgen der Rettungspakete auf die Tagesordnung kommt.

Gleichzeitig zeigt sich, dass eigentlich niemand so recht an die dennoch gern gehörte Beschwörung keynesianischer Regulation glaubt. Dass sie bloß die bessere SPD sein will, hat sich für die Linkspartei nicht ausgezahlt. Das politische „Establishment“ hat deren „Gerechtigkeits“-Phrasen und nationalen Rettungsideologien längst vereinnahmt und mitten in der Krisenverwaltung sein Herz fürs Soziale entdeckt, was mit einem ausgrenzenden Sozialdarwinismus durchaus einhergeht. Im Klartext: Gut, ja lebenswert ist allein, was der imaginierten intakten (nationalen) Gemeinschaft nützt, die „gestärkt aus der Krise hervorgehen“ (Merkel) soll. Weil die Kritik und die Alternativen so dünn und gesellschaftlich schwach sind, gibt es gar keine Versuchung, den Kapitalismus grundsätzlich in Frage zu stellen, während andererseits die (links)sozialdemokratische Rettungsagenda mehr als zweifelhaft erscheint. Viel verlockender ist der Gedanke, dass alles so weitergeht, wenn eine liberalkonservative „Macher“-Crew die Zügel in die Hand nimmt, wie sich in der BRD an der derzeit stabilen demoskopischen Mehrheit für CDU/CSU und FDP zeigt.

Die Linke, die vom historischen Kriseneinbruch genauso überrascht wurde wie die offiziellen Institutionen, schwankt zwischen jüngst hörbar gewordenen Tönen, dass „irgendwie“ doch mit einem Ende des Kapitalismus zu rechnen sei (selbst wenn dabei nicht wertkritisch argumentiert wird, sondern eine anachronistische Deutung von „Klassenherrschaft“ überwiegt) einerseits und einem altbekannten Ableugnen des fundamentalen Charakters der Krise andererseits. Vielleicht findet sogar die stärkste Ontologisierung des Kapitalismus in der Linken statt, soweit es um die basalen gesellschaftlichen Formen geht. Nachdem es mit den traditionellen Revolutionsvorstellungen in der Vergangenheit nicht geklappt hat und der Kapitalismus sich scheinbar endlos hinziehen konnte, sitzt der Gedanke von seiner Integrationsfähigkeit als „autopoietische“ ewige Selbsterneuerung á la Systemtheorie tief.

Dennoch hat sich in diesen Glauben ein gewisses Unbehagen eingeschlichen. Schon in den sozialen Verwerfungen der letzten Jahre erheischte das sogenannte „Materielle“ unerbittlich Aufmerksamkeit und die Rede vom Ende des (postmodernen) „cultural turn“ machte die Runde. „Marx lesen“ gilt auch bei den Jüngeren wieder als „cool“. Und so tauchen als Gegentendenz zum bisherigen linken Mainstream in politologischen und soziologischen Perspektiven auf einmal Kategorien wie die der gesellschaftlichen „Form“ auf; eine Dimension, von der eine vornehmlich kapitalismusgewisse linke Positionierung bis dato nichts wissen wollte. Plötzlich wird es recht grundsätzlich, obwohl gerade die wert-abspaltungskritische Theorie weiterhin abgewehrt, ignoriert oder bloß eklektisch (und oft ohne ausdrücklichen Bezug) vereinnahmt wird.

Der Terminus „Wertkritik“ wurde in den 1990er Jahren vor allem mit einem Standpunkt identifiziert, der die Kritik an den Basiskategorien von abstrakter Arbeit, Wertform und Kapitalform als dem „automatischen Subjekt“ (Marx) betonte; im Gegensatz zur verkürzten, „form-ontologischen“ Kritik des Kapitalismus als äußerlicher Klassenherrschaft und juristischem Eigentumsverhältnis im traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus. Vor diesem Hintergrund wurde schon seit der zweiten Hälfte der 1980er Jahre die Theorie einer historischen inneren Schranke der Kapitalverwertung entwickelt. In dem Maße, wie diese Schranke nun auch an der gesellschaftlichen Oberfläche real zu Tage tritt, wird der wertkritische Ansatz nicht einfach aufgenommen und weiterentwickelt, sondern in gegensätzliche Richtungen „ausdifferenziert“, die teilweise schon eine eigene jüngere Geschichte haben. Es werden so die Konturen einer unausweichlichen Auseinandersetzung deutlich, wobei der Status und Inhalt der Krisentheorie eine große Rolle spielt.

Eine Folie bildet die sogenannte „neue Marx-Lektüre“, die sich eine kritische Rekonstruktion der Marxschen Theorie auf die Fahnen geschrieben hatte, schon Ende der 1960er Jahre durch Hans-Georg Backhaus und Helmut Reichelt im Gefolge einer Rezeption der Kritischen Theorie Adornos ihren Ausgang nahm und bis Anfang der 1980er Jahre zu verebben schien, während seit einigen Jahren von ihr wieder viel die Rede ist. Auch die Arbeiten von Moishe Postone werden in diesem Zusammenhang genannt. Dieser Ansatz verstand sich als vorwiegend philologische Bemühung um den Charakter und die Widersprüche der Marxschen Texte; er erhob deshalb auch nicht den Anspruch eines umfassenden neuen Paradigmas (etwa hinsichtlich der Aufklärungsphilosophie, des Subjektbegriffs, des Geschlechterverhältnisses, der historischen Analyse und Standortbestimmung etc.), wie er von der wert-abspaltungskritischen Theorie vertreten wird. Insbesondere fehlt gerade bei den „Klassikern“ dieser Position auch innerhalb der Marx-Philologie der krisentheoretische Aspekt fast vollständig. Im Zuge der Abwehr einer Wertkritik, die das Geschlechterverhältnis in Gestalt der Abspaltungstheorie auf der grundsätzlichen Ebene aufgenommen hat und gleichzeitig eine radikale Krisentheorie formuliert, wird die „neue Marx-Lektüre“ (NML) gerade auch in ihrer jüngeren Weiterentwicklung vor allem durch Michael Heinrich gern als akademisch kompatible und viel „seriösere“ Alternative gehandelt; „echte Kenner“ wissen mittlerweile genau, was mit dem Kürzel NML gemeint ist.

Im Spannungsfeld von NML und Wertkritik lassen sich dabei gegenwärtig idealtypisch vier unterschiedliche Positionen ausmachen:

1. Die sogenannte „antideutsche“ Richtung (Grigat, Scheit, Bruhn u.a.), ausgehend von einer Art „Adorno-Orthodoxie“, die einst als ein Herd der „neuen Wertkritik“ galt, allerdings von Anfang an auf eine neue Deutung der Kritik der politischen Ökonomie verzichtete und gleichzeitig die wertförmig konstituierte Vernunft der bürgerlichen Aufklärung (durchaus ähnlich wie der Arbeiterbewegungsmarxismus) als positives „Erbe“ affirmieren wollte. Die radikale wertkritische Krisentheorie wird auf der kategorialen Ebene der Ökonomiekritik abgelehnt, während mittlerweile durchaus vom drohenden „Ausnahmezustand“ die Rede ist, dessen Bedingtheit im Dunkeln bleibt. Gleichzeitig erscheint gegenüber den barbarisierenden Folgen der realen Krise der Kapitalismus pseudo-“realpolitisch“ als kleineres Übel.

2. Eine Reformulierung der Kritik der politischen Ökonomie, die sich im Kontext der NML selber nicht explizit als wertkritisch versteht, aber dennoch eine philologisch erschlossene Formkritik behauptet (Wolf, Elbe, Heinrich). Geradezu im Gegensatz zur „antideutschen“ Richtung lehnt sich dieser Ansatz in epistemischer Hinsicht weitgehend an ein popperianisch-positivistisches Wissenschaftsverständnis an (in bewusster Absetzung von Adornos Position im „Positivismusstreit“). Dabei machen sich Bestrebungen bemerkbar, eine Formkritik reduktionistisch mit einer (alten) Klassenperspektive wieder in Einklang zu bringen (siehe etwa Sven Ellmers, Die formanalytische Klassentheorie von Karl Marx, Duisburg 2007, und Ingo Elbe, Marx im Westen, Berlin 2008); auch vor dem Hintergrund eines Marxverständnisses, das Struktur und Geschichte gegeneinander ausspielen und Marx teilweise als „strukturalistischen Positivisten“ von der Dialektik „erlösen“ möchte, die bei den Klassikern der NML noch eine zentrale Rolle gespielt hatte. Die wertkritische radikale Krisentheorie wird von dieser Richtung ebenso wie von den „Antideutschen“ grundsätzlich abgelehnt, weswegen sie bei letzteren trotz des epistemischen Gegensatzes gern als philologische Referenz auftaucht.

3. Eine aus der Spaltung des alten „Krisis“-Zusammenhangs hervorgegangene Wertkritik, die sich teilweise noch auf die radikale Krisentheorie beruft, während diese andererseits von bestimmten Protagonisten vor allem im Dunstkreis der Wiener „Streifzüge“ (Exner) bereits zurückgenommen wird. Die theoretische Begründung auf der begrifflichen Ebene der Kritik der politischen Ökonomie verblasst dabei, ebenso wie die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung teils ignoriert, teils offen abgelehnt und teils androzentrisch-universalistisch als „abgeleitetes“ Moment verballhornt wird. Stattdessen macht sich ein Herunterbrechen auf eine „lebensreformerische“ und alternativideologische Praxisorientierung geltend, die sich mit „lebensphilosophischer“ Ideologie anreichert und in eine Alltags- und Betroffenheitsduselei mündet. Selbstapologetisch wird zwar teilweise noch die Wichtigkeit von distanzierter Theorie betont; aber das „wirkliche Leben“, worauf es letztlich ankommt, findet eben woanders statt. Im Zweifelsfall überwiegt die Orientierung am schnöden (männlichen) Alltag.

4. Die Position der Wert-Abspaltungskritik, die einen Gegenpol zu den hier angesprochenen „formkritischen“ Diskursen bildet, während diese einer ernsthaften inhaltlich-theoretischen Auseinandersetzung damit eher ausweichen, obwohl sie darin in gewisser Weise einen gemeinsamen Gegner erkennen. Von dieser Position wird die Theorie einer historischen inneren Schranke des Kapitalismus nicht nur ungebrochen behauptet, sondern auch theoretisch genauer zu begründen versucht. Gleichzeitig geht es im Kontext der Theorie der geschlechtlichen Abspaltung um ein grundsätzlich neues Verständnis gesellschaftlicher Totalität. Hinsichtlich der Herangehensweise weist die Wert-Abspaltungstheorie einen positivistischen Wissenschaftsbegriff ebenso zurück wie eine Orientierung an der Aufklärungsvernunft, während sie sich gegenüber der „lebensphilosophischen“ Regression mit der auf Adorno bezogenen Kritik der „falschen Unmittelbarkeit“ verbunden weiß. Es ist ihr aber nicht bloß um eine abstrakte Erkenntniskritik in diesem Sinne zu tun, sondern in der konkreten historisch-gesellschaftlichen Analyse um eine Berücksichtigung der im allgemeinen Begriff des Wert-Abspaltungsverhältnisses nicht aufgehenden Momente und Ebenen von spezifischen Geschlechterhierarchien, sozialen Disparitäten und Ideologiebildungen, die über eine abstrakte Form-Affirmation hinausgehen (Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Antiziganismus). Gerade letztere bleiben in den Positionen von NML und „lebensphilosophisch“-existentialistisch regredierender Wertkritik theoretisch unterbelichtet.

Einer genaueren Bestimmung der hier nur grob skizzierten Richtungen im Kontext von NML und Wertkritik kann an dieser Stelle natürlich nicht nachgegangen werden; die Facetten der Differenzierung bedürfen aber einer weiteren Auseinandersetzung. Wer das für einen überflüssigen Streit hält, unterschätzt die langfristige Bedeutung von theoretischen Klärungsprozessen, die nicht in der Form eines Habermasianischen Diskurspazifismus verlaufen können. Es geht dabei nicht um kleinliche „persönliche“ Abgrenzungskämpfe, sondern um die Grundsatzfragen einer neuen Kapitalismuskritik.

Die konkrete Analyse der ökonomischen, aber auch der ökologischen Krise und der sozialen Konflikte im Einzelnen bleibt dabei eine eigene Aufgabenstellung. Wer sich in dieser Hinsicht über aktuelle wert-abspaltungskritische Ausarbeitungen und Kommentare informieren will, sei auf unsere Homepage verwiesen (www.exit-online.org). Die in dieser EXIT!-Ausgabe versammelten Texte bemühen sich um weiter gehende theoretische Bestimmungen zur Kritik der politischen Ökonomie, zur Erkenntniskritik als Gesellschaftskritik, zur historischen Analyse und zur Ideologiebildung.

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In dem krisentheoretischen Text „EIN WIDERSPRUCH VON STOFF UND FORM“ setzt sich Claus Peter Ortlieb mit Robert Kurz‘ Aufsatz „Die Krise des Tauschwerts“ von 1986 und der vor allem von Michael Heinrich dagegen vorgebrachten Kritik auseinander. Dabei geht es insbesondere um die von Marx so bezeichnete Produktion des relativen Mehrwerts, also des Mehrwerts, den sich das Kapital durch die Erhöhung der Produktivität zusätzlich aneignen kann. Für den Marx der „Grundrisse“ tut sich im damit verbundenen Zwang zur permanenten Verringerung der notwendigen Arbeitszeit ein „prozessierender Widerspruch“ auf, der geeignet ist, die auf dem Wert beruhende Produktionsweise „in die Luft zu sprengen“. Während Heinrich einen solchen Widerspruch in der Produktion des relativen Mehrwerts nicht zu erkennen vermag und den Marx des „Kapital“ gegen den der „Grundrisse“ ins Feld führt, weist Ortlieb – wie auf andere Weise schon Kurz 1986 – nach, dass die im „Kapital“ entwickelte Kategorie des relativen Mehrwerts in der Tat diesen Widerspruch in sich trägt: Von einer bestimmten Stufe der kapitalistischen Entwicklung an ist es bereits für eine konstante, erst recht aber für eine wachsende gesamtgesellschaftliche Mehrwertmasse erforderlich, dass die stoffliche Produktion mindestens so schnell wächst wie die Produktivität. Das aber ist wegen der Endlichkeit der – als materielle Träger des Werts unabdingbaren – stofflichen Reichtümer auf Dauer unmöglich. Hierin liegt der tiefere und im Rahmen der kapitalistischen Produktionsweise nicht auflösbare Grund sowohl für die Krise der Kapitalverwertung als auch für die ökologische Krise.

Roswitha Scholz geht es in ihrem Artikel „GESELLSCHAFTLICHE FORM UND KONKRETE TOTALITÄT“ um eine erkenntniskritisch-dialektische Bestimmung der Wert-Abspaltungstheorie, und zwar gerade nicht im Sinne einer abstrakt-äußerlichen „Methode“ nach gängigem Wissenschaftsverständnis, sondern als Einheit von Erkenntnis- und Gesellschaftskritik. Gegenüber einem deduktiven, „ableitungslogischen“ Begriff von Totalität der Wertvergesellschaftung, wie es auch in der Wertkritik seit den 1980er Jahren weitgehend anzutreffen war und bis heute nicht überwunden ist, wird auf ein Verständnis der „konkreten Totalität“ rekurriert, wie es in verschiedener Weise bei den „Ahnen“ und Klassikern eines wertkritischen Denkens von Lukács über Adorno bis neuerdings zu Postone eine nicht zu vernachlässigende Rolle spielt. Die gesellschaftliche „Form“ erweist sich erst in ihrer historisch-inhaltlichen Entfaltung und könnte ohne diese auch gar keine allgemeine Bestimmung sein. Dabei handelt es sich um eine „Totalität der Empirie“, die im abstrakten Begriff des Werts bzw. Kapitals nicht aufgeht. Konkrete Analyse-Ebenen und Empirie können daher nicht dem Begriff hierarchisch untergeordnet, ebensowenig aber gegen diesen ausgespielt werden. Insofern ist auch eine Herangehensweise zu kritisieren, die in die „falsche Unmittelbarkeit“ abstürzt; sei es alltagszentriert (Holloway), lebensphilosophisch-existentialistisch (Hardt/Negri), umgekehrt theologisch-universalistisch (Badiou) oder „politizistisch“ (Haug). Stattdessen gilt es angesichts der Schranken des Kapitalismus die aus den linken Diskursen lange Zeit verschwundene Dialektik im Sinne eines „dialektischen Realismus“ neu zu entdecken.

Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Fetischverhältnissen. So hat die Wert-Abspaltungskritik bisher in Abgrenzung zur altmarxistischen Theorie postuliert, ohne dies auch für die Vormoderne eingehend zu belegen. In Carsten Webers Aufsatz „ZWISCHEN HAMMER UND AMBOSS“ wird zunächst thesenhaft erörtert, auf welchen materiellen und ideengeschichtlichen Grundlagen im christlichen Europa eine sich verselbständigende apriorische Matrix in der Form einer Herrschaftsordnung hierarchischer Ungleichheit entstand, die allen dem Christentum unterworfenen Menschen zur zwingenden Normeninstanz wurde. Dabei erweist sich, dass diese Matrix, zumindest in wesentlichen Teilen und in neuen Amalgamierungen, sich in der Moderne bis weit ins 20. Jahrhundert fortsetzte, so dass die Menschen zwischen zwei Fetischvehältnissen, einem modulierten alten und einem mit rasanter Dynamik sich entwickelnden neuen, historisch beispiellos schweren Bedrückungen ausgesetzt waren, also gewissermaßen zwischen Hammer und Amboss gerieten. Im empirisch-historischen Teil des Aufsatzes wird anschließend dargelegt, welche Erscheinungsformen die vormoderne Herrschaftsordnung annahm. Anhand der Darstellung der hierarchischen Ungleichheitsordnung im familiären Haushalt wird deutlich, wie sowohl das eheliche Verhältnis zwischen Mann und Frau als auch das Eltern-Kind-Verhältnis und sogar das herrschaftlich geprägte Verhältnis des Hausherrn zu den Dienstboten die Jahrhunderte überdauerte und bis in die jüngste Vergangenheit fortwirkte. Das übergreifende Merkmal für alle diese Verhältnisse war die Forderung nach unbedingtem Gehorsam, die auf der Vorstellung basierte, dass Gott selbst alle Herrschaft eingesetzt hatte: die des Mannes über die Frau, die des Vaters über die Kinder und die des Hausherrn über das Gesinde. Ungehorsam gegenüber diesen Herrschaftsträgern wurde konsequenterweise mit Ungehorsam gegen Gott gleichgesetzt. Dies galt auch für das Herrschaftsverhältnis zwischen adeligen Grundbesitzern und hörigen Bauern bzw. zwischen Landesherren und Untertanen. Der Aufsatz schließt mit einer Betrachtung der historischen Emanzipationsbewegungen gegen diese vormodern geprägten Herrschaftsverhältnisse. Dabei zeigt sich, dass ähnlich den Kämpfen der Arbeiterbewegung im 19. und 20. Jahrhundert der fetischistische Wesenskern der Herrschaftsordnung hierarchischer Ungleichheit nicht erkannt und folglich auch nicht angegriffen wurde.

In seiner ideologiekritischen Untersuchung „DIE KINDERMÖRDER VON GAZA“ setzt sich Robert Kurz mit linken Wahrnehmungsmustern des Nahostkonflikts auseinander. Nachdem von wert-abspaltungskritischer Seite in den vergangenen Jahren der kapitalistische Weltordnungskrieg und dessen Affirmation durch die „antideutsche“ Ideologie grundsätzlich kritisiert wurde, ist es überfällig, die Kehrseite dieser Interpretation ins Visier zu nehmen, deren Träger sich ebenso affirmativ zur globalen Wertvergesellschaftung und deren Zerfallsprodukten verhalten. Diese Deutungen der Weltlage sind von einem affektiven „Anti-Israelismus“ geprägt, gespeist auch aus einem „unbewussten Judenhass“ (Micha Brumlik), wobei der Judenstaat und dessen militärisches Vorgehen auf eigene Rechnung gegen Hamas und Hisbollah einseitig unter das Weltkapital und dessen Sicherheitsimperialismus subsumiert werden. Dementsprechend erscheint die islamistische Barbarei gerade gegenüber Israel nicht mehr als andere Seite derselben Medaille des Krisenimperialismus, sondern auf eine geradezu romantisierende Weise als „Widerständigkeit“. In diesem Zusammenhang verblasst die Folie des alten „Antiimperialismus“ und der Nahostkonflikt mutiert zum Stellvertreterkonflikt für eine neo-kleinbürgerliche „Kapitalismuskritik“, von der die Weltkrise des Kapitalismus regressiv verarbeitet wird.

Den Abschluss des Heftes bilden Gerd Bedszents Rezension „GRÜNER MALTHUS“ des früheren Spiegel-Bestsellers „Kollaps. Warum Gesellschaften überleben oder untergehen“ von Jared Diamond sowie Udo Winkels Streifzüge durch die Literatur zu den Themen „NATIONALSOZIALISMUS UND VERNICHTUNGSKRIEG“ und „MARX-DISKURSE IN DER KRISE“.

Hinzuweisen ist noch auf zwei Neuerscheinungen. Der Eichborn-Verlag hat eine Neuauflage des „Schwarzbuch Kapitalismus“ von Robert Kurz herausgebracht, erweitert um einen zusätzlichen Einleitungstext, der sich ausführlich mit der Entwicklung seit der Erstauflage (1999) beschäftigt, um die neue historische Krisendimension als Fortsetzung des Epochenbruchs von 1989 einzuordnen. Der beim Unrast-Verlag herausgekommene Sammelband „Antiziganistische Zustände. Zur Kritik eines allgegenwärtigen Ressentiments“ (Hrsg. Markus End, Kathrin Herold, Yvonne Robel) enthält aus verschiedenen Perspektiven zahlreiche Beiträge zu Begriff, Geschichte und aktuellen Erscheinungsformen des Antiziganismus, darunter den Text von Roswitha Scholz über „Antiziganismus und Ausnahmezustand. Der >Zigeuner< in der Arbeitsgesellschaft“.

Inhalt

Claus Peter Ortlieb

Ein Widerspruch von Stoff und Form
Zur Bedeutung der Produktion des relativen Mehrwerts für die finale Krisendynamik

Die letzte Krise des Kapitals? Eine Kontroverse · Produktivität, Wert und stofflicher Reichtum · Die Produktion des relativen Mehrwerts · Die Entwicklungstendenz des relativen Mehrwerts · Wachstumszwang, historische Expansion des Kapitals und stoffliche Grenzen · Wachstumszwang und Umweltzerstörung · Fazit

Roswitha Scholz

Gesellschaftliche Form und konkrete Totalität
Zur Dringlichkeit eines dialektischen Realismus heute

Konkrete Totalität bei Georg Lukácz · Konkrete Totalität bei Theodor W. Adorno · Konkrete Totalität bei Moishe Postone · Konkrete Totalität und Wert-Abspaltungskritik · Fetisch- und Verdinglichungskritik als falsche Unmittelbarkeit bei John Holloway · Antidialektische Unmittelbarkeit bei Hardt/Negri und Badiou · Die falsche Wiederkehr der Dialektik nach ihrem vermeintlichen Ende · Fazit: Plädoyer für einen dialektischen Realismus heute jenseits traditioneller Schematismen

Carsten Weber

Zwischen Hammer und Amboss
Die fetischistischen Herrschaftsverhältnisse der chistlich-europäischen Kultur als komplementäre Leidens- und Verblendungszusammenhänge

Zum Ursprung des vormodernen Fetischverhältnisses · Hierarchische Ungleichheit in der Familie · Exkurs I : Die Forderung nach und die Erziehung zu bedingungslosem Gehorsam als Gewähr für die Perpetuierung gesellschaftlicher Herrschaftsverhältnisse · Ständisch-hierarchische Ungleichheit im grundherrschaftlich-ruralen Lebenszusammenhang · Transformationen · Exkurs II : Bäuerliche Emanzipationskämpfe in der Vormoderne · Résumé

Robert Kurz
Die Kindermörder von Gaza
Eine Operation „Gegossenes Blei“ für die empfindsamen Herzen

Moralische Asymmetrie und historische Analyse · Die affektive Gewalt des kollektiven antijüdischen Unbewussten · Der Doppelcharakter des Staates Israel · Die positive und negative Identifizierung Israels mit dem Weltkapital · Unmögliche Anforderungen einer Realparadoxie · Die israelische Staatsräson in den Kriegen gegen Hamas und Hisbollah · Antiisraelische Weltmeinung und ideologische Zersetzung der Linken · Eine „dritte Position“, die keine ist · Schuld und Sühne oder historisch vermittelte radikale Kritik? · Eine Herz für das Scharia-Regime · Determinismus des Bewusstseins und Heldenrolle · Der Stellvertreterkonflikt und die Demoralisierung der Kapitalismuskritik · Anti-Israelismus – die Matrix eines neuen Antisemitismus · Die Linke als Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Gerd Bedszent

Grüner Malthus

Udo Winkel

Nationalsozialismus und Vernichtungskrieg
Ein Literaturbericht

Udo Winkel

Marx-Diskurse in der Krise
Ein kleiner Streifzug